„Mahagonny“: Die Kapitalismus-Anklage berührt nicht mehr

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„Mahagonny“: Die Kapitalismus-Anklage berührt nicht mehr
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Mahagonny10(CIS-intern) – Von Horst Schinzel Als vor 85 Jahren die Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ des Komponisten Kurt Weill (1901 – 1950) nach einem Textbuch von Bert Brecht in Leipzig uraufgeführt wurde, endete der Abend in einem handfesten Theaterskandal. Die Gesellschaft der Weimarer Republik goutierte diese Parabel von der eigens zu dem Zweck, die Mitmenschen auszubeuten, gegründeten und letztlich an ihrer inneren Zerrissenheit gescheiterten Stadt durchaus nicht. Seither haben wir erkennen müssen, dass andere Gesellschaftsformen genauso wenig erfolgreich waren. Und so hat sich diese Anklage gegen die Kapitalismus denn doch überlebt. Folgerichtig wird diese Oper nur noch selten gegeben – in Kiel zuletzt vor 39 Jahren.

Foto: Olaf Struck

Jetzt hat der als Fachmann über das unterhaltende Musiktheater gepriesene frei schaffende Regisseur Ansgar Weigner in seinem Kieler Debüt sich am Kleinen Kiel um dieses Werk bemüht.

Ihm ist ein überaus lebendiger Abend gelungen. In dem abwechslungsreichen Bühnenbild von Norbert Ziermann und den farbenfrohen Kostümen von Christof Cremer agieren Solisten wie der von Lam Tram Dinh einstudierteund von Viola Crocetti-Gottschall choreografierte Chor – in dem besonders die Solistinnen des Jugendchors gefallen – beweglich und mit Charme.

Das ändert nichts daran, dass die Aussage der Handlung heute nicht mehr beeindrucken kann. So bleiben die Zuschauer dieses Premierenabends höflich-unbewegt. Einzelne Ansätze zu Szenenbeifall verebben schnell. Und auch der Schlussbeifall ist nur etwas mehr als freundlich.

Er gilt vor allem den großartigen Solisten. Allen voran Michael Müller, der gesanglich wie darstellerisch eine eindrucksvolle Charakterstudie des unglücklichen Jim Mahoney abliefert. Neben ihm beeindrucken Marina Fideli und Agnieszka Hauser als schmierige – ihrem Fach sehr fremden – Leokardia Begbick und Jenny Hill Aber auch die übrigen Bewohner der erst von einem Hurrikan und dann von der eigenen Gier bedrohten Kleinstadt werden von Matthias Koslorowski, Ks Jörg Sabrowski, Fred Hoffmann, Andreas Winther Timo Riihonen und Martin Fleitmann überzeugend dargestellt .

Leo Siberski – der sein Amt als Erster Kapellmeister zum Jahresende aufgibt – weiß den großen Apparat mit dem Philharmonischen Orchester geschickt zusammen zu halten. Schade, dass im letzten Drittel des zweiten Teils die Übertitlungsanlage versagt. Die Premierenzuschauer verlassen sehr nachdenklich das Opernhaus.

Weitere Aufführungen I
16. und 24 Juni, 19.30 Uhr, 21. Juni, 19 Uhr